Mittwoch, 24. Dezember 2014

Lessons to be learned!

Mein letzter Tag in der Trauma und der Notaufnahme war gekommen. Ich wurde schon ganz traurig und sentimental am Morgen. Die Nacht hielt aber ein paar, besondere Überraschung für mich bereit.
Der Tag war wie immer eigentlich unspektakulär. Erst am Abend ging es so richtig los. Ich machte meine letzte Nachuntersuchung, bei einem Patienten, der am Tag zuvor aus seinem stehenden Auto gefallen war - manchmal muss ich mich echt zusammen reißen, um nicht laut los zu lachen, wenn ich den Unfallmechanismus höre!
Und endlich, nach gefühlten 100 dieser Nachuntersuchungen, fand ich mal etwas, was noch niemand vor mir entdeckt hatte - also nicht, dass ich mich freuen würde, dass der Patient krank ist, aber irgendwie ist dann doch mal befriedigend etwas zu finden. Der Patient hatte Schmerzen über der Lendenwirbelsäule. Nach einer weiteren Untersuchung durch meinen Supervisior stand fest, dieses Mal hatte ich tatsächlich was Relevantes gefunden. Ansonsten hatte ich nämlich immer nur Dinge gefunden, die nichts waren.

Nach einer kurzen Pause ging es weiter. Mein Pager verriet mir, dass in einigen Minuten ein Patient eintreffen würde, der 40 feet (12 m) tief gefallen war. Mir ging durch den Kopf, was alles gebrochen sein könnte... Gleichzeitig mit dem RTW kam auch ich in der Notaufnahme an. Das übliche Prozedere nach dem ATLS-Schema lief ab. Und das einzige was wir finden konnten, war ein Stock in seinem Kopf. Da er keine groben neurologischen Ausfälle hatte, konnte auch das nicht viel angerichtet haben. Also ging es weiter zum Pan-Scan, wie hier der CT-Scan von Kopf bis Becken genannt wird.

Gleichzeitig kam noch ein anderes Level-Ia-Trauma rein. Der Patient war im Badezimmer gefallen und hatte nun nur noch um die 8 Punkte auf der Glascow Coma Scale. Ich wäre ja ganz streng gewesen und hätte nur 7 gegeben. Aber das Team wollte noch nicht intubieren. GCS von < 8 bedeutet nämlich Pflichtintubation zum Schutz des Atemweges. Deswegen drückten wir mal alle Augen zu. Auch der Patient bekam einen Pan-Scan.

Ein paar Minuten später fanden wir uns alle im CT-Kontrollraum ein, der sich zwischen den beiden CT-Scannern der Notaufnahme befindet. Rechts Mr. Badezimmer mit inzwischen Verdacht auf Schlaganfall und links Mr. Stock-im-Kopf. Beide brachten keine Weihnachtsüberraschungen mit sich. Mr. Badezimmer zeigte schon einige ältere Infarkte, aber nichts Traumatisches und hatte damit einen Freifahrtsschein auf die ITS gewonnen. Mr. Stock-im-Kopf hatte trotz 40 ft. sich keinen einzigen Knochen gebrochen.
Nur irgendwie musste der Stock natürlich noch aus dem Kopf heraus. Also ab in den OP! Natürlich war die Wunde total verschmutzt, deswegen musste fleißig gespült werden. Der beste Mechanismus um Schmutz aus einer Wunde heraus zu bekommen, ist immer noch Druck und Wasser. Irgendwie hatte ich darüber aber nicht nachgedacht beim Ankleiden. Ich hatte nämlich weder Schutzbrille noch Maske mit Augenschutz auf. Düdüm.
Ich stand zudem noch mit meiner Hass-Assitenzärztin aus der Kinderchirurgie (sie ist inzwischen in die Erwachsenenchirurgie rotiert) am Tisch. Da sie mein persönliches Abbild in Sachen Gemeinheit ist, dachte ich, sie würde mich gnadenlos mit dem Spülwasser nass machen. Aber nein, sie entschuldigte sich sogar, als sie mich mit dem Wasser traf.... Und am Ende durfte ich sogar meinen Finger in die Wunde stecken und sie auswaschen. Whao! So viel Nettigkeit hätte ich ihr echt nicht zugetraut.
Unter mir war inzwischen eine riesige Pfütze vom Spülwasser entstanden. Natürlich hatte ich auch keine Schuhüberzieher an und stand nur in meinen Turnschuhen dort.
Ich hatte meine Lektion gelernt!

Nachdem das erledigt war, machte ich mich mal auf in mein Zimmer im Gerry House. Ich hatte gerade 5 Minuten meine Augen zugemacht, da ging mein Pieper wieder. Ein älterer Herr hatte eine Platzwunde nachdem er einen Einbrecher in seinem Haus mit einigen Messerstichen in die Flucht geschlagen hatte. Die Wunde wollte einfach nicht aufhören zu bluten. Mein Chief Resident brauchte ein paar (blinde) Stiche um die Blutung zu finden und zu stillen. Beeindruckend, dass der Patient so gar keine Lokalanästhesie haben wollte.

Der 2. Versuch ein wenig Schlaf in dieser Nacht zu bekommen, gelang mir. Allerdings gab es natürlich noch einen Notfall um kurz vor 3 Uhr. 3 Uhr ist echt mein absoluter Tiefpunkt. Es gab mal wieder einen MVC, wie wir hier die Autounfälle nennen. Aber leider nichts allzu spannendens für mich.

Am Morgen musste ich mir dann noch in der Grand Round (Fortbildungskonferenz) anhören, wie Semmelweis die Mütter rettete...
Nach dem anschließenden Morning Report durfte ich dann endlich in mein Bett fallen.

Jetzt, einen Tag später und endlich wieder ausgeschlafen, freue ich mich auf meine Schwester, die bald hier in Providence ankommen wird und mit mir das Weihnachtsfest verbringen wird.

Zu guter letzt wollte ich euch allen noch frohe Weihnachten wünschen und eine tolle Zeit mit euren Lieben!

Julia.

PS: Ich kann jetzt komplett nachvollziehen, wie das mit der Schlafentzugstherapie bei Depression funktioniert. :D 

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