Sonntag, 21. Dezember 2014

GSW to the Chest!

Vor ein paar Tage wurde ich gefragt, was ich denn noch unbedingt in Trauma sehen wollte an Operationen. Mir fiel auf die Schnelle nichts ein.
Am Mittwochmorgen hatten wir dann unsere Traumaweiterbildung zum Thema Notfallthorakotomie in der Notaufnahme. Bei einer Notfallthorakotomie öffnet man noch in der Notaufnahme den Brustkorb, weil man vermutet, dass da irgendetwas blutet, meistens verursacht durch Kugeln oder Stichwerkzeugen. In den OP würde man es in der Regel nicht schaffen - zumindest nicht, wenn der Patient noch lebend ankommen soll...
Naja so sprachen wir das nach und nach durch und ich erhielt einen kleinen Überblick über Vor-, Nachteile und Outcome. Nur ein sehr, sehr kleiner Prozentsatz an Patienten hat einen Überlebens- und später neurologischen Vorteil mit dieser Not-OP. Ein großer Nachteil an einer Notfallthorakotomie ist, dass sie für das Krankenhauspersonal ein sehr unsicheres Unterfangen ist. Da es schnell gehen soll, achten die Operateure natürlich nicht wie sonst auf ihre "sharps" (Sharps sind alle unsicheren Gegenstände, an denen man sich schneiden kann, also Skalpell, Nadeln, etc.). Daneben hält der menschliche Körper ja so seine eigenen "sharps" bereit, wenn ich da mal an irgendwelchen Kanten von durchtrennten Knochen denke. Bei einer Umfrage in unserer Traumaabteilung gaben 5/5 Oberärzte an, dass sie sich schon einmal bei dieser speziellen OP verletzten.

Nicht weiter darüber nachdenkend, verging mein Tag. Am Nachmittag bekam ich dann folgende Nachricht auf meinen Pager: "GSW to the chest" (Schußwunde in den Brustkorb). Alles klar. Am Morgen also die Theorie und am Nachmittag die Praxis!
Mit purer Vorfreude ging ich in die Notaufnahme, wo schon eine ganze Schar an Menschen auf den RTW wartete, alle präpariert mit Schürzen, Masken und Schutzbrillen, wie man das aus den amerikanischen Krankenhausserien auch kennt. Die Spannung steigt. Ich suche noch ein kleines Plätzchen, wo ich meinen Kittel ablegen kann und mich mit dem Formular für die unfallchirurgischen Anamnese und Untersuchung hinquetschen kann.
Endlich! Ein RTW fährt vor. Eine Trage wird ausgeladen. Angekommen in der Trauma Bay, wie der Schockraum hier genannt wird, wird angefangen mit der "primary survey" aus dem ATLS Protokoll. ATLS steht für Advanced Trauma Life Support. Dies ist ein standardisiertes Konzept mit einem festgelegten diagnostischen und therapeutischen Handlungsalgorithmus. In der Primary widmet man sich Step-by-Step den A Atemwegen, der B Atmung (Breathing) und dann dem C Herzkreislauf (Circulation). Eigentlich gehören noch die Untersuchung auf D neurologischen Defiziten und E Exposition dazu. Darauf verzichten wir in der Notaufnahme fast immer.
So auch in diesem Fall. Denn schon nach ABC wird klar, dass in dem Patienten keine Lebenszeichen mehr zu finden sind. Und das schon seit 10 Minuten. Damit ist jede Entscheidung gefallen. Bei Schusswunden in den Brustkorb und dem Fehlen von Lebenszeichen länger als 5 Minuten wird nichts mehr und schon gar keine Notfallthorakotomie unternommen. Die Chance, dass der Patient, das ganze Überleben würde, ist sehr, sehr klein und die Chance, dass sich einer der Ärzte dabei verletzen würde zu groß.
Ich war echt neugierig darüber, was da in seiner Brust so stark geblutet hat, dass es zum Tod geführt hat. Hätte am liebsten selbst mal rein geschaut.
Bei der Leichenschau fanden wir dann noch ein Loch im Hinterkopf, das da eindeutig nicht hingehörte... 

So hoffte ich die ganze Woche, dass vielleicht noch eine Brustschusswunde rein kommen würde. Also nicht, dass ich mir wünschen würde, dass es hier ein paar Schießereien gibt, aber es wäre schon mal interessant so etwas zu sehen.

Bye, bye!
Julia.

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