Hallo ihrs,
meine zweite Woche hier am Krankenhaus war anders als erwartet.
Wir bekamen am Montag erst einmal zwei neue Interns. Die Beiden sind
super schnell und total beliebt bei unserem Senior Resident -
wahrscheinlich weil es zwei ganz gut aussehende Burschen sind.
Zu meinem Leidwesen führte dies dazu, dass jetzt jeden Tag einer von ihnen im OP ist, was wiederum bedeutet, dass ich mich im OP nicht mehr mit einwaschen kann bzw. wenn tatsächlich noch Platz am Tisch sein sollte, ich nichts machen kann. Manchmal kann ich noch nicht einmal Haken halten oder Fäden durchschneiden, obwohl ich steril bin. :( In einer OP stand ich tatsächlich die ganze Zeit nur da und habe nichts gemacht. Am Ende hatte ich kein einziges Mal das OP-Feld angefasst.Am Ende der Woche war ich dann echt enttäuscht. Aber dann kam Freitag! Freitag ist mein Tag - neuerdings. Am Freitag ist nämlich immer nur einer der Interns da und der muss dann die Stationsarbeit erledigen. Freie Fahrt für mich.
Am Freitagnachmittag gab es gleichzeitig eine "spannende" OP und einen Abzess. In der "spannenden" OP wurde einem erwachsenen Patienten von den Kinderchirurgen ECMO-Kanülen angelegt. ECMO ist ein Verfahren, in dem außerhalb des Körpers das Blut mit Sauerstoff angereichert wird, weil die Lungen versagen. Es sind eigentlich nur riesige Kanülen, die in die Blutgefäße eingebracht werden. Also eigentlich nicht so sehr spannend. Dennoch gibt es jedes Mal einen risiegen Menschauflauf, wenn das hier gemacht wird.
Berechnend wie ich bin, dachte ich mir, alle Assistenzärzte werden garantiert, bei der ECMO sein und niemand bei der Eiterbeule. Meine Chance etwas zu tun zu bekommen. Also fragte ich die armenisch-deutsche Oberärztin, ob ich mich nicht für den Abzesse an der Pobacke einwaschen dürfte. Sie hatte nichts dagegen und fragte mal gleich, ob ich schon einmal einen Abzess gespalten hatte. "Nein? Ok, dann wird dies dein erstes Mal!"
Ich wusste gar nicht, was mit mir geschah, aber ich ging mich dann erst einmal waschen bzw. desinfizieren. Zurück im OP-Saal machte die Oberärztin schon das Personal verrückt - inkl. mich. Sie ist eine von der ganz schnellen Sorte. Entsprechend unterlief mir noch vor der OP der peinlichste Fehler ever. Ich lies leider meine Hände nicht richtig trocknen, was dazu führte, dass ich im OP-Handschuh feststeckt und nicht vor und zurück kam. Mehrere Minuten versuchte besagte Oberärztin dann meinen Handschuh zu richten bis wir schließlich aufgaben, den Handschuh auszogen, meine Hand richtig trockneten und einen Neuen anzogen.
Im Rückblick war der schwierigste Teil der OP geschafft :-D. Danach bekam ich dann eine Kanüle von der OP-Schwester in die Hand gedrückt, mit der ich den Abzess anstechen durfte. Danach hieß es, Messer bitte an Julia - ja sie sagen hier tatsächlich "knife" anstatt "Skalpel" im OP. Ich schnitt die Eiterhöhle auf, danach spülte ich sie und stopfte sie mit so einem Zeug aus, von dem ich nicht komplett weiß, was es war.
Das war sie! Meine aller erste OP! Danach bin ich stundenlang mit einem seeligen Grinsen im Gesicht herum gerannt.
Es ging aber noch weiter. Die nächste OP war ein Leistenbruch und eine Beschneidung. Leider mit einem Oberarzt der seinen Mund nicht aufbekommt. Er ist aber eigentlich mein Kursleiter. Glücklicherweise wurde der Facharzt, der auch noch mit am Tisch stand, zu einer anderen OP gerufen, sodass ich aufrutschen durfte und nun die 1. Assistenz inne hatte.
Ich bin ja eigentlich kein Freund von nicht-medizinisch indizierten Beschneidungen. Die erste Beschneidung, die ich hier sah, sah sehr brutal aus. - Vielleicht sollte jetzt meine männliche Leserschaft zum nächsten Absatz springen - Man löst die Adhäsionen zwischen dem inneren Blatt der Vorhaut und der Eichel, die nur in den ersten Lebensjahren bestehen sollten. Danach variieren die 'zig verschiedenen Methoden, die es gibt. Bei der ersten Zirkumzision, die ich sah, wurde die Vorhaut einfach nur lang über die Eichel gezogen, eine Klemme zur Unterbrechung der Blutzufuhr und dem Einsetzen des Gerinnungsprozesses gesetzt, und dann mit einem Skalpel einfach abgeschnitten.
Mein Oberarzt am Tisch machte dies aber glücklicherweise nicht so. Er machte es ein wenig eleganter ohne so viel Blut :-D. Er nutzte dazu den - wie heißt bloß, das Ding, das man eigentlich immer nur Brutzler nennt?- ach ja Elektrokauter. Mit dem Kauter kann man mit Strom bzw. Hitze angeschnittene Blutgefäße veröden oder auch gleich ganze Gewebe durchtrennen. Riecht ein wenig nach gegrillten Hühnchen - nicht nur an der Vorhaut :-). Auf jeden Fall nutzte er den Kauter um die Vorhaut abzutrennen. Bzw. er lies mich damit einen Teil der Vorhaut zerschneiden :-D. Er hat den Rest weggekautert und dann das Ganze noch vernäht.
Am späten Nachmittag erwartete mich dann noch ein ganz anderes Highlight. Der belgische Oberarzt machte eine Laserablation bei einer Drillings-Schwangeren mit einen feto-fetalen Transfusionssyndrom. Bei diesem Syndrom gibt einer der Mehrlinge, der Donor, Blut an einen der anderen anderen Mehrlinge, den Akzeptor, ab. Dies führt dazu, dass der Donor nicht richtig wächst und sogar intrauterin sterben kann. Der Akzeptor dagegen wächst im Übermaße.
Für die Laserablation wurde dann ein Fetoskop - sozusagen eine Kamera mit Arbeitskanal - über einen Hautschnitt in den Uterus und die Amnionhöhle eingebracht. Während der ganzen OP wird alles was im Bauch geschieht per Ultraschall zur besseren Lokalisation verfolgt. Wenn man dann drinnen ist, versucht man sich zunächst einmal zu orientieren. Gar nicht so einfach bei 3 Köpfen, unzähligen Händen und Füßen. Danach sucht man dann die entsprechenden Blutgefäße auf und lasert sie. Das war's.
So einen Blick auf Ungeborene zu bekommen, ist echt der Hammer!
Neben all diesen Erlebnissen vergaß ich glücklicherweise auch nicht, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Zumindest die internationalen Studenten ließen mich das nicht vergessen :-D. So gingen wir Donnerstagabend in die Cheesecake Factory - dabei mag ich doch eigentlich gar keinen Käsekuchen. Aber die Cheesecake Factory ist etwas Besonderes. Hier gibt es wahrscheinlich so viele verschiedene Sorten Käsekuchen, wie nirgends auf der Welt. Von Kürbis-Pekannuss-Käsekuchen bis Oreo-Käsekuchen ist alles dabei.
Bevor wir uns dem Käsekuchen widmeten, gab es aber erst einmal den Hauptgang. Für mich war das ein irischer Shepard's Pie. Sehr lecker. Zum Desert entschied ich mich für den - wer hätte es gedacht - Chocolate Mousse Cheesecake.
Am Freitagabend schleppten sie mich dann in eine Karaoke Bar. Glücklicherweise hatten wir einen kleinen Raum für uns. So konnten mich nicht allzu viele hören. ;-)
Mal schauen was die nächste Woche so für mich bringt.
Bis denne!
Julia.
Ich musste mich zwar ein paar mal übergeben als ich das gelesen habe, aber es freut mich, dass du eine schöne Zeit hast und deine erste OP hinter dir hast =)
AntwortenLöschenPS: die Cheescake Faktory ist das aller Beste an den USA!!!!
Auch wenn der Kuchen ein Vermögen kostet, solltest du so oft hingehen, wie möglich (und immer ein Stück für mich mit essen)
Liebe Grüße von der Ostsee
Sebastian