Am Montag holte mich dann wieder der amerikanische PJ-ler Alltag ein. Wir hatten ein volles OP-Programm, sodass dankenswerterweise mein ganzer Tagesablauf gesichert war und ich mich nicht dem Selbststudium widmen musste :).
Es stand mal wieder eine Beschneidung an. Da die Senior Resident das schon unzählige Male gemacht hat, fragte ich sie, ob ich nicht 1. Assistenz für den Oberarzt sein dürfte und sie inzwischen einen Teil ihrer restlichen Arbeit erldigen wollte. Sie war einverstanden und ich glücklich. Also musste ich nur noch die Zustimmung vom Oberarzt einholen. Wir hatten ihn in unseren Plan nicht mit einkalkuliert. Er meinte, ich solle operieren, mein Senior Resident leitet mich an und er steht daneben und trägt die Verantwortung. Also stellte ich mich darauf ein. Kurz danach wurde die OP gecancelt, weil das Kind erkältet war.
Ich, ganz enttäuscht, ging erst einmal Mittag essen. Danach erwartete mich ein kleine Überraschung. Als Nächstes stand die Exzision einer Hautzyste an. Ich dachte nicht, dass sich die OP automatisch auf mich übertragen würde. Erst als der Oberarzt meinte "Go ahead!" begriff ich, dass das meine OP ist. Also drückte man mir das Messer in die Hand, ich schnitt, dieses Mal sogar gar nicht zaghaft, und exzidierte dann mit dem Kauter (elektrisches Messer) die Zyste. Am Ende durfte ich sogar die Fasziennaht (Naht der Muskelhaut), was sonst immer nur die Ärzte dürfen, und natürlich die Hautnaht machen.
Danach hatte ich trotz einem "Good job!" (gut gemacht) von meinem Senior Resident das Gefühl, dass es ihr nicht unbedingt so sehr gefallen hat. Leider hat sie sich während ich nähte auch mehr um das Gespräch mit den OP-Schwestern gekümmert als um mich. Könnte daran gelegen haben.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier die ausgewogene Mitte fehlt. Entweder darf man nichts machen oder alles. Step-by-step lernen ist nichts sehr angesagt...
Am selben Tag hatten wir noch etwas total Ekliges auf dem Tisch - einen Bezoar. Die dazu passende Krankheit nennt sich Trichotillomanie. Zu deutsch: Vor allem weiblichen Kinder und Jugendliche reißen sich Haare aus und essen sie. Leider nicht nur Haare. Auch beispielsweise Teppichfasern und alles Ähnliche stehen hier auf dem Speiseplan. Da Haare und Fasern leider schlecht verdaut werden und der Magen sie nur schlecht weitertransportieren kann, sammeln sie sich im Magen zu einen Knäuel an. Irgendwann ist der Magen so sehr ausgefüllt mit diesem Knäuel, dass die Patienten nichts mehr zu sich und in sich behalten können. Dann muss man das Haarknäuel herausoperieren, was wir in diesem Fall taten. Das Präparat nennt man dann Bezoar. Leider war das nur ein kleiner Bezoar, in unserem Fall, aber ich las mal ein Paper über einen Bezoar, der den kompletten Magen inkl. Duodenum (Anfangsteil des Dünndarms) ausfüllte. Nennt man dann auch das Rapunzel-Syndrom, weil der Bezoar dann einen Pferdeschwanz hat. :)
An meinem letzten Tag in der Kinderchirurgie gab es noch eine VATS mit Pleurodese. Ja genau, dieser Patient hatte einen spontanen Pneumothorax - Luft entwich aus seiner Lunge in den Spalt zwischen Lunge und Rippenfell und dies schon zum wiederholten Male. Deswegen wollte man jetzt mit einer videoassistierten Thorakoskopie den luftverlierenden Abschnitt der Lunge abdichten und dann den Spalt zwischen Lunge und Rippenfell mit Talkumpulver verkleben. Da der Facharzt durch Abwesenheit glänzte, wusch ich mich mit ein. Die Oberärztin war mal wieder die Deutsche, die auf Schnelligkeit aus ist. Bei ihr muss man echt robust vom Charakter sein, denn es herrscht ein ziemlich harscher Ton im OP. Dafür bekam ich eine Lektion in Sachen Kameraführung.
Danach hatte ich dann den ersten Monat meines PJs geschafft.
Liebste Grüße,
Julia.
PS: Es tut mir echt leid, dass ich soviel über OPs schreibe, aber das ist nun einmal mein Tagesinhalt.
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