Donnerstag, 29. August 2013

Der Campus und die Welt hinter dem Zaum

Zwei Orte, die nur wenige Meter voneinander entfernt liegen, aber sie könnten unterschiedlicher nicht sein.
Da wäre zunächst einmal unser Campus, unsere Heimat für den letzten Monat. Diese liegt zwar abgegrenzt hinter Maschendrahtzäunen und Schranken, ist dadurch aber auch recht sicher und wir hatten bisher nie das Gefühl hier bedroht zu sein. Aus diesem Grund, kann man sich auch zu Fuß und abends recht frei hier bewegen, was einem ansonsten in Südafrika nicht möglich ist. 
Auf dem Campus befindet sich fast alles, was das Studentenherz begehrt: Neben den Unterkünften gibt es einen kleinen Supermarkt, eine Mini-Mensa, einem Sportclub, ein Büchergeschäft, ein Musikkontor und (zu Jules absoluter Freude) auch 4 Tennisplätze und ein Rugby-Feld. Viele Straßen des Campus haben medizinische Namen. So gibt es z.B. die „Aorta Avenue“, den „Hippokampus“ oder den „Gastro intestinal track“ (Magen-Darm-Weg). Die hiesigen Studenten gestalten das Campusleben sehr farbenfroh, mit Gesangswettbewerben und sportlichen Wettkämpfen.
Am Rand des Campus befindet sich unsere schöne International Student Lodge. Hier gibt es viele kleine Parteien in denen insgesamt rund 40 Studenten aus aller Herren Länder zusammen wohnen. Jule und ich befinden uns im Wohnbereich K. Wir wohnen zusammen mit einem netten Norweger, einem partywütigen Deutsch-Südafrikaner und einem Frankfurter. Zusammen teilen wir uns 2 Bäder (das Türschloss funktioniert nur bei einem) und eine Küche. Die Zimmer sind einfach (no luxury), aber sauber und praktikabel eingerichtet. Allerdings ist die Qualität des Mobiliars manchmal fragwürdig. So sind an zwei aufeinander folgenden Tagen unsere jeweiligen Betten zusammengebrochen, die vom campuseigenen Hausmeister wieder repariert wurden. Das ist sowieso ein südafrikanisches Prinzip: Es wird nichts weggeworfen, wenn es noch unter Aufbringen aller Kräfte repariert werden kann.
Jeden Mittwoch treffen sich alle internationalen Studenten zum Braai (= südafrikanische Barbecue). Hier wird viel Fleisch gegrillt und sich auch mal das eine oder andere alkoholische Getränk genehmigt. Wir haben auch eine „Campus-Mutti“, die sich um die Angelegenheiten der internationalen Studenten kümmert, mit manchmal mehr und manchmal weniger Erfolg. Die Administration des Krankenhauses befindet sich im riesigen Teaching-Building (Lehrgebäude), das nur mithilfe einer speziellen elektronischen Chip-Karte zu betreten ist. Diese gewisse Karte ist eines der wertvollsten Besitztümer eines jeden Studenten: Neben dem eigenen Namen ist die Studentennummer und der Name der Universität vermerkt. Diese besondere Karte verschafft einem Eintritt in die eigene Wohnung und ins Tygerberg Hospital - auf die andere Seite des Zauns.

Die Welt hinter dem Zaun


Das Tygerberg Hospital ist das größte Krankenhaus, das wir je zu Gesicht bekommen haben. Es ist mit 1900 Betten das zweitgrößte Krankenhaus von ganz Südafrika. Zählt man allein nur die Gänge des elf-stöckigen Hauses zusammen, kommt man auf 30 Kilometer Länge - kein Wunder, dass man sich oft hoffnungslos verläuft. Zur Verwirrung trägt das Fehlen von Wegweisern noch wesentlich bei. Dafür ist aber jeder Flur mit einem eigenen Namen versehen worden. So gehen beispielsweise die beiden Notaufnahmen von der „West-Avenue“ ab.
An den Eingängen vieler Stationen findet man noch Gittertüren, durch welche man nur kommt, wenn man einen Chip besitzt oder so lange klingelt bis endlich mal jemand öffnet. Daneben läuft zumindest in den beiden Notaufnahmen Security-Personal herum. Das gibt dem Ganzen so ein wenig Gefängnisflair. Allerdings ist das auch manchmal von Nöten, wie Jule schon am Beginn ihrer Famulatur feststellen musste. Einer der Patienten, der eh schon in die Psychiatrie eingewiesen werden sollte, schnappte sich einen Feuerlöscher, randalierte einmal über den halben Notaufnahmeflur und wurde dann glücklicherweise vom Sicherheitspersonal ruhig gestellt.
Die Notaufnahmen bestehen aus einem langen Flur und davon abgehende Patientenzimmer, wobei leider der Flur auch ständig mit Patienten und ihren Betten vollgestellt ist. In der Nicht-Trauma-Notaufnahme (entsprechend der ganze restliche Notaufnahmekram) muss ein minderschwerer Fall in der Regel drei Tage auf ein Bett zunächst in der Notaufnahme warten - von der Zeit, auf die die Patienten für ein Bett auf Station warten müssen, wollen wir gar nicht reden. Sie warten dann entweder in einem kleinen, zugigen Warteraum oder auf einer Trage (, die aussieht wie aus den 1960ern,) im Flur.
In der Trauma-Notaufnahme sieht es dagegen etwas besser aus außerhalb der Stoßzeiten. Der Flur ist nicht bis zum Geht-Nicht-Mehr mit Patienten und ihren Bett vollgestellt. Alle Patienten, die sitzen können, sitzen hier in einem kleinen Wartebereich - das zwar manchmal für mehrere Tage. Allerdings zu Stoßzeiten (am Wochenende und Monatsende - PayDay) sieht das dann auch schon wieder anders aus. Plötzlich ist auch hier wieder der komplette Flur mit Tragen voll.
Nähen von Wunden ist die Hauptaufgabe der Studenten in der Trauma-Notaufnahme. Für die Lokalanästhesie werden hier noch Metallspritzen verwendet - wie früher beim Zahnarzt. Beim ersten Anblick zweifelt man zwar, ob das gut geht, aber nach dem ersten Ausprobieren, lernt man auch damit umzugehen (nur das man damit leider nicht aspirieren kann und damit das Risiko für eine intraarterielle Applikation des Lokalanästhetikums steigert...-glücklicherweise ist noch nie etwas passiert). Ansonsten läuft das Nähprozedere hier genauso wie in Deutschland ab, nur dass es mir immer ein wenig unsteriler vorkommt. Wenn die Ärzte selbst nähen (oder auch Sanitäter) kann es schon mal sein, dass gar kein Nadelhalter verwendet wird, sondern die Nadel per Hand geführt wird.
Etwas was wir eigentlich für eine Trauma-Notaufnahme als selbstverständlich angenommen haben, ist hier doch etwas rar gesäht: das Morphin. Hier müssen die Patienten mit schwersten Verletzungen teilweise mehrere Stunden auf ihre Schmerzmedikation warten, weil entweder der Arzt erst seine Akten zu Ende bearbeiten muss, die Schwester mit dem gewissen Schlüssel gerade in der Pause ist oder einfach kein Morphin mehr da ist. Wenn es denn endlich soweit ist und der Patient die gedacht erlösende Spritze erhält, erhält er dann doch nur 10 mg Morphin intramuskulär. Für die Behandlung von stärksten Schmerzen braucht man jedoch bis zu 30 mg i.m.. Diese 10 mg Morphin führen bei den meisten Patienten nur zu einer kleinen Schmerzreduktion.
Blutabnahmen waren am Anfang auch etwas gewöhnungsbedürftig. Zu Hause besitzen wir fertige Nadeln, auf die man die Röhrchen nur noch drauf stecken müssen. So etwas gibt es natürlich hier nur selten. Man behilft sich hier mit einer stinknormalen Kanüle und einer Spritze, mit der Blut abgenommen wird. Die Kanüle ist natürlich ohne Sicherheitsverschluss - man will ja den gewissen Nervenkitzel nicht verlieren. Das abgenommene Blut wird anschließend in die Röhrchen, die man von zu Hause kennt, umgefüllt. Fragt mich nicht, wie man hier ein aussagekräftiges Resultat bekommt, aber es funktioniert ja scheinbar.
Im Gegensatz zu diesen veralteten Methoden und Einrichtungen findet man dann aber wieder die neuste Technik im Arztzimmer (zwei riesige Flatscreens), im OP (modernere Endoskope als in Dt.) oder im Labor (extra eine Maschine um DNA zu extrahieren, was Jule in Dt für ihre Dr.arbeit immer noch per Hand machen muss).
Ohne zu böse klingen zu wollen, muss ich ganz ehrlich sagen, dass wir manchmal den Eindruck haben, dass das Personal im Krankenhaus hier von den Wörtern „Ordnung“ und „Effizienz“ noch nie etwas gehört haben.
So frustrierend das Ganze hier ist, gehen wir doch immer wieder mit großer Neugier zur Arbeit. Es gibt einfach so viele Sachen, die man in Europa nie zu Gesicht bekommen wird. Beispielsweise gestern hatten wir wieder einen Patienten mit einer Stichwunde unterhalb des linken Rippenbogens inklusive dem schon herausschauenden Omentum majus (Bauchnetz - große Fettschürze, die vom Magen herunterhängt).
Damit verabschieden wir uns in unsere nächste Schicht.

Viele Grüße,
Aline und Jule.

PS: Vor ein paar Wochen besuchten wir das Museum des Groote Schuur Krankenhauses, welches anlässlich der weltweit ersten Herztransplantation, durchgeführt in den 1960ern in Kapstadt, eine Ausstellung über das Leben und Arbeiten von Chris Barnard präsentiert. Hier konnten wir original Krankenhaus-Inventar aus den 1960ern bestaunen. Und sieh da: es ist dasselbe, wie es heute noch im Tygerberg Hospital verwendet wird.

1 Kommentar:

  1. LOL. Back to the roots!, kann man da nur sagen.
    Bis ganz bald,
    Beachside

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